Jeden zweiten Tag passiert in Deutschland ein Femizid. Eine Frau stirbt – oder überlebt nur knapp – durch die Hand eines Mannes, der ihr nahestand. Diese Zahl kannte ich. Und trotzdem hat mich Annis Geschichte auf eine Art getroffen, die ich nicht erwartet hatte.
Eine schreckliche Nachricht, gelesen in einem Social-Media-Kanal, löste an Karfreitag eine tiefe Trauer in mir aus. Anni – eine Frau, die ich nicht kenne – wurde zu Beginn der Osterferien von ihrem Mann lebensgefährlich mit einem Messer verletzt. Ebenso ihre neunjährige Tochter und ihr dreizehnjähriger Sohn. Der Sohn überlebt nicht. Er stirbt.
Jeden zweiten Tag passiert so etwas in Deutschland.
Anni wusste das. Am 9. März 2026, am Tag des Frauenstreiks, stand sie auf einer Bühne und sprach darüber. Sie sprach über Femizide. Darüber, dass dies die höchste Stufe der Gewalt gegen Frauen ist. Dass der gefährlichste Ort für eine Frau ihr eigenes Zuhause ist. Und dann, wenige Tage später, sticht ihr eigener Mann zu. Ihr Leben in den eigenen vier Wänden wird zerstört – während die Koffer und der Hund im Auto schon auf die Abreise warten.
Warum trifft mich Annis Geschichte so tief?
Warum weine ich so sehr um ihren Verlust? Warum spüre ich tiefe Trauer, als wäre Anni meine Freundin?
Weil ich hier so klar spüre: Anni ist eine Verbündete. Anni ist eine von uns – die auf die Straße geht, die gegen Femizide kämpft, die protestiert, die streikt. Die sich für Frauen einsetzt. Für Familien. Nicht nur als Aktivistin, sondern auch als Hebamme. Anni sieht die Lücken. Anni ist eine, die dir die Hand reicht, wenn du eine brauchst.
Und ich muss sie nicht persönlich kennen, um den Schmerz zu spüren. Den Schmerz jedes Femizids, jedes Filizids (Tötung des eigenen Kindes). Sie muss nicht meine Freundin sein, damit ihr Schicksal in mir das Gefühl der Ohnmacht, der Ungerechtigkeit, der unermesslichen Grausamkeit wachruft.
Anni ist eine von uns
Anni stand wie ich am Tag des Frauenstreiks auf der Straße. Sie ist wie ich Mama von zwei Kindern. Eines wurde ihr genommen. Eines taucht nun in der Statistik auf, die sie selbst noch erwähnt hatte – als sie auf der Bühne stand und davon sprach, was in einem Land wie Deutschland fast jeden Tag passiert.
Sie selbst und ihre Tochter sind nun Teil der Statistik, in der es heißt: In Deutschland wird jeden Tag eine Frau Opfer eines versuchten Femizids.
Und ich kann es nicht mehr aushalten. Weil ich immer noch höre, dass Ausländer das Problem seien. Dass Frauen selbst schuld sind. Dass wir hier keinen Grund für Protest haben. Dass wir hysterisch sind. Übertreiben. Dass wir jemandem etwas wegnehmen wollen.
Aus Trauer wird Wut – und Wut wird Energie
Ich trauere mit meiner nie gekannten Freundin. Mit meiner Verbündeten. Ich kann kaum aushalten, wie schlimm das ist. Wie grausam.
Aber ich weiß: Sobald diese Trauer zur Wut wird, nehme ich sie an. Ernst. Weil alles, weshalb wir auf die Bühne gehen, auf die Straße gehen, noch immer Realität ist. Weil wir nicht sicher sind. Weil jeden Tag Schwestern und ihre Kinder sterben oder angegriffen werden. Während die Politik zusieht und Männer #notallmen schreien.
But always men, ihr Schreihälse. Always men.
Manchmal ist es nicht auszuhalten. Nicht einmal hier. Nicht einmal in unserem "sicheren" Land, in dem fast jeden Tag ein Femizid stattfindet. Und 290 Vergewaltigungen täglich.
Manchmal ist es nicht auszuhalten. Und dann schweige ich. Trauere ich. Lasse meine Wut größer werden – um daraus die Energie zu gewinnen um weiterzumachen.
Für Anni. Für ihren Sohn. Für ihre Tochter. Für all unsere Verbündeten dort draußen, die ihrem schlimmsten Albtraum schon ins Gesicht geblickt haben.
Wenn du etwas tun willst:
Anni lebt. Sie und ihre Tochter brauchen Unterstützung. Wer helfen möchte, findet hier das Spendenkonto:
→ goodcrowd.org/anni-braucht-eure-unterstuetzung
Und wenn dich das nächste Mal jemand fragt, warum du als Frau auf eine Demonstration gehst, streikst oder anders laut und unbequem wirst, denk an Anni und an all die Kinder und Frauen, die nicht ernst genommen wurden und jetzt tot sind:


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